Keramik erkennen – was Form, Dekor und Bodenmarken verraten
Markus PirothTeilen
Wer eine alte Keramikvase umdreht, entdeckt auf der Unterseite häufig Zahlen, Buchstaben, Pressmarken oder die Bezeichnung „W. Germany“. Solche Kennzeichnungen können wichtige Hinweise auf Hersteller, Form oder Größe geben – aber sie erzählen selten die ganze Geschichte. Gerade bei deutscher Keramik der Nachkriegsjahrzehnte lohnt es sich deshalb, Bodenmarke, Form und Dekor gemeinsam zu betrachten.
Ein gutes Beispiel ist Scheurich. Viele Vasen des Herstellers tragen auf der Unterseite eine Zahlenkombination wie 242-22 oder 271-22. Die erste, meist dreistellige Zahl bezeichnet die Form, die Zahl hinter dem Bindestrich in der Regel die Höhe des Gefäßes in Zentimetern. Dadurch lassen sich gleiche Formen auch dann wiedererkennen, wenn sie auf den ersten Blick vollkommen unterschiedlich aussehen.
Denn eine Form war nicht zwangsläufig an ein bestimmtes Dekor gebunden. Scheurich produzierte zahlreiche Formen über längere Zeit und versah sie mit unterschiedlichen Glasuren, Farben und Mustern. So kann dieselbe Vasenform einmal zurückhaltend glasiert und ein anderes Mal mit einer kräftigen, strukturierten Oberfläche erscheinen. Umgekehrt wurden bestimmte Dekore und Glasuren auf verschiedenen Formen eingesetzt.
Genau das macht alte Keramik heute so interessant – und manchmal schwierig zu bestimmen. Farbe und Muster können einen ersten Hinweis liefern, sollten aber nicht isoliert betrachtet werden. Ebenso reicht eine Formnummer allein nicht immer aus. Hilfreich ist der Vergleich mehrerer Merkmale: die Silhouette des Gefäßes, das verwendete Material, die Glasur, das Dekor, die Bodenmarkierung und eventuell noch vorhandene Herstelleretiketten.
Auch die Bezeichnung „W. Germany“ oder „West Germany“ sollte nicht automatisch mit einem bestimmten Hersteller gleichgesetzt werden. Solche Herkunftsangaben finden sich auf Keramik verschiedener westdeutscher Produzenten. Viele ursprüngliche Papier- oder Folienetiketten gingen im Laufe der Jahrzehnte verloren, sodass eine eindeutige Zuordnung heute manchmal erst durch den Vergleich mit bekannten Formen und Dekoren möglich wird.
Besonders auffällig sind die stark strukturierten Glasuren, die heute häufig unter dem Begriff Fat Lava zusammengefasst werden. Dabei beschreibt Fat Lava keinen Hersteller, sondern eine charakteristische Art der Oberflächengestaltung. Auch hier lohnt sich der genaue Blick: Eine spektakuläre Glasur kann ein wichtiges Erkennungsmerkmal sein, beweist für sich genommen aber noch nicht, von welchem Hersteller ein Stück stammt.
Wer alte Keramik bestimmen möchte, sollte deshalb ein wenig wie bei einem Puzzle vorgehen. Bodenmarke, Form, Dekor und Glasur liefern einzelne Hinweise, die erst zusammen ein überzeugendes Bild ergeben. Und manchmal bleibt eine Zuordnung trotz aller Recherche offen – dann ist es besser, ein Stück nicht vorschnell einem bekannten Hersteller zuzuschreiben.
Gerade diese Vielfalt gehört zum Reiz von Vintage-Keramik. Gleiche Formen können durch unterschiedliche Dekore völlig anders wirken, während verwandte Glasuren verschiedene Gefäße optisch miteinander verbinden. So erzählt jedes Stück nicht nur etwas über seine Herstellung, sondern auch über die enorme Experimentierfreude im Keramikdesign vergangener Jahrzehnte.